Gleich am ersten Tag erwartete uns in der St.-Johannis-Kirche ein besonderes Erlebnis. Die fast 475 Jahre alte große Bach-Böhm-Orgel wird derzeit restauriert, weshalb wir sie leider nicht selbst spielen konnten. Dafür bestaunten wir ihren prächtigen Orgelprospekt und durften die wunderschöne symphonische Chororgel hören und selbst ausprobieren. Neben spannenden Einblicken in die Kirchengeschichte erfuhren wir, was barocke Orgelmusik auszeichnet und warum eine Kirche sogar zwei Orgeln haben kann. Wie klingt eigentlich das Register „Himmlische Stimme“? Und kann eine Chororgel genauso laut spielen wie ihre große Schwester?
Anschließend wurde es experimentell: Im Workshop „Klang-Improvisationen“ mit Joachim Vogelsänger begegneten sich Orgel und Synthesizer. Die Kinder erfanden eigene Klänge, experimentierten mit elektronischen Sounds und entdeckten, wie vielfältig Musik sein kann. Parallel dazu konnten weitere Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Workshop „Wind macht Musik“ den Geheimnissen der Orgel auf den Grund gehen und das Instrument selbst erkunden. Den musikalischen Abschluss des Tages bildete ein mitreißendes Konzert des Jazz-Organisten Daniel Stickan in St. Nicolai, der die Orgel mit rhythmischen, virtuosen und überraschenden Klängen zwischen Jazz, Pop und Kirchenmusik zum Leben erweckte.
Am Dienstagmorgen ging es hoch hinaus! Gemeinsam mit dem Turmbläser von St. Johannis erklommen wir die 194 Stufen des Kirchturms. Oben erwarteten uns Glocken, spannende Geschichten und eine fantastische Aussicht über die mittelalterliche Stadt. Windig und ein bisschen kalt war es zwar, aber der Aufstieg hat sich definitiv gelohnt! Anschließend besuchten wir gemeinsam das Salzmuseum. Dort erkundeten die Kinder die Geschichte des für Lüneburg so wichtigen Salzes und konnten mit einem erfolgreich ausgefüllten Fragebogen sogar ein Diplom erwerben.
Am Nachmittag warteten gleich zwei weitere Orgelabenteuer auf uns. In St. Nicolai lernten wir eine über hundert Jahre alte Orgel kennen, die mit ihrem pneumatischen Spielsystem besonders beeindruckte. Über eine steile Wendeltreppe gelangten wir zum Spieltisch, wo wir die verschiedenen Register erkundeten und selbst spielen durften. In St. Michaelis wurde es dann erneut sportlich: Gemeinsam mit dem Kantor kletterten wir in die große Orgel hinein, während die Pastorin uns mit in den Kirchturm nahm. Der Höhepunkt war, dass die Kinder selbst das Glockenspiel bedienen und eigene Melodien spielen durften, die weit über die Dächer Lüneburgs zu hören waren!
Am Mittwoch Vormittag gab es Unterricht und Übezeit zur Vorbereitung auf das Abschlusskonzert vor, einregistrieren und vierhändiges Spiel. Am Nachmittag begaben wir uns auf eine musikalische Stadtrallye auf den Spuren von Johann Sebastian Bach. Denn tatsächlich verbrachte Bach seine letzten beiden Schuljahre in Lüneburg! Nach seinem Fußmarsch von rund 380 Kilometern aus Ohrdruf lernte er an der Michaelisschule und kam mit dem berühmten Organisten Georg Böhm in Kontakt. Wir besuchten wichtige Orte aus dieser Zeit und erfuhren, welche musikalischen Grundlagen Bach hier für sein späteres Schaffen entwickelte.
Der Abschluss war das gemeinsame Konzert der jungen Organistinnen und Organisten aus Mainz und Lüneburg in St. Johannis. Zusammen mit den Schülerinnen und Schülern meiner Kollegin Nanette Günther entstand ein buntes, vielseitiges Programm.
Besonders wertvoll war dabei nicht nur die Musik, sondern auch die Begegnung. Nanette Günther und ich verbindet die Begeisterung für die Orgelpädagogik und die Überzeugung, dass Kinder viel mehr Möglichkeiten bekommen sollten, dieses faszinierende Instrument kennenzulernen. Noch immer gibt es vergleichsweise wenige Orte, an denen Kinder Orgelunterricht erhalten können. Umso wichtiger ist es, junge Organistinnen und Organisten zusammenzubringen, ihnen gemeinsame musikalische Erlebnisse zu ermöglichen und Freundschaften über regionale Grenzen hinweg entstehen zu lassen. Die Kinder haben sich auf Anhieb gut verstanden und miteinander musiziert – ein echter Gewinn für alle!
Dazu bescherte uns Lüneburg drei Tage lang herrliches Wetter und eine wunderschöne Kulisse. Wir kehren mit vielen neuen Eindrücken, musikalischen Ideen und schönen Erinnerungen nach Mainz zurück.
Und wohin geht die nächste Orgelexkursion? In den Osterferie 2026 waren wir in Paris, um den französischen Orgelbau kennenzulernen, nun in Lüneburg, wo uns die norddeutsche Orgeltradition viele weitere Geheimnisse gezeigt hat.
Wer bei zukünftigen Orgelprojekten dabei sein möchte, ist herzlich eingeladen, sich zu melden. Denn eines steht fest: Gemeinsam klingt es einfach noch schöner!
Carolin Kaiser